„Haiti: No Protection for Girls Against Sexual Violence“

Die Regierung von Haiti scheitert darin, die Mädchen des Landes vor Vergewaltigung und sexueller Gewalt zu schützen. So geht es aus einem Bericht von Amnesty International hervor, heute vorgestellt wurde und die haitianischen Behörden dazu aufruft, den Ernst der Lage anzuerkennen und ihre Pflicht zu erfüllen, junge Mädchen zu schützen.

Fünfzig Prozent der 105 Vergewaltigungen, die bis dato in diesem Jahr gemeldet wurden, wurden an Mädchen unter 18 Jahren begangen. Diese Zahlen beziehen sich auf eine der wenigen Organisationen, die die Anzahl der sexuellen Übergriffe auf Frauen und Mädchen festhält. Letztes Jahr berichtete dieselbe Organisation, das 58% der Opfer von Vergewaltigungen oder sexueller Gewalt Mädchen zwischen 19 Monaten und 18 Jahren waren. Entscheidend ist jedoch die Tatsache, dass das wahre Ausmaß des Problems aufgrund mangelnder Zahlen, unbekannt ist.

Amnesty International sagt aus, dass die Polizeieinheit, die für den Schutz Minderjähriger verantwortlich ist, die Brigade zum Schutz von Minderjährigen (Brigade de Protection des Mineurs), auf tragische Weise unterbesetzt ist. Im März 2008 standen der Einheit lediglich 12 Beamte zur Verfügung, die das gesamte Land abdecken sollen und nicht über ein einziges Fahrzeug verfügen. Wenn Beschwerden verfolgt werden, so die Organisation weiter, ist die Reaktion des Justizsystems schwach und meist ineffektiv.

“Sexuelle Gewalt gegen Mädchen, und Vergewaltigung im Besonderen, ist in Haiti weit verbreitet und kann nicht länger ignoriert werden“ sagte Gerardo Ducos, Karibik-Researcher bei Amnesty International.

“Die haitianische Regierung erfüllt ihre Verpflichtungen zum Schutz von Mädchen nicht. In Anbetracht des Mangels an offizieller Hilfe ist es vielleicht nicht überraschend, dass die meisten derjenigen Personen, die Mädchen vergewaltigen und angreifen nicht vor Gericht gebracht werden und in der Lage sind, diese Verbrechen weiterhin ohne Angst vor Bestrafung zu begehen. Für viele Mädchen bedeutet das Überleben sexueller Gewalt, Stillschweigen zu wahren.“

Die Organisation sagte weiterhin, dass weit verbreitete Berichte über Gruppen bewaffneter Männer, die Frauen vergewaltigten, unter dem Militärregime zwischen 1991 und 1994 begannen. Dies sei nun zu einer gängigen Praxis unter Gangs junger Männer geworden, besonders in der Zeit vor und um den Karneval jedes Jahr.

Während Amnesty International den „Nationalen Plan zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen“ als Schritt in die richtige Richtung anerkennt, werden die haitianischen Behörden aufgefordert, diesen auch effektiv umzusetzen und ihren Verpflichtungen unter regionaler und internationaler Menschenrechtsgesetzgebung nachzukommen.

„Wir erkennen an, dass die Regierung vor großen Herausforderungen steht. Sie versucht, die Entwicklung des Landes, gute Regierungsführung und die Rechtsstaatlichkeit zu stärken – doch keine dieser Ziele kann ohne den Schutz der Rechte von Frauen und Mädchen voll erfüllt werden,“ so Gerardo Ducos.

„Machthaber müssen sich mit dem mangelnden Vertrauen in die Polizei und das Justizsystem befassen, damit sich Mädchen auf diese verlassen können, wenn sie Hilfe und Rechtshilfe ersuchen. Es muss außerdem ein Weg gefunden werden, landesweite Informationen zu sammeln um die Natur und das Ausmaß der Gewalt gegen Mädchen und Frauen zu erfassen und diese Ergebnisse müssen in beiden offiziellen Landessprachen veröffentlicht werden. Die Regierung darf den Mädchen von Haiti nicht den Rücken kehren.“

Amnesty International hebt diese sexuelle Gewalt in Haiti im Rahmen des Projekts „Sichere Schulen für Mädchen“ hervor, dass innerhalb der Kampagne „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ durchgeführt wird. Das „Sichere Schulen für Mädchen“-Projekt ist auf dem Glauben begründet, dass die Gewalt, der sich Mädchen ausgesetzt sehen während sie ihrer Bildung nachgehen, ihre fundamentalen Menschenrecht verletzt. Wenn Gewalt gegen Schulmädchen unbestraft bleibt, vermittelt dies anderen Kindern und der Gesellschaft als Ganzer den Eindruck, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen akzeptabel ist und dass das Erleiden von Gewalt im Stillen der Norm entspricht.

Hintergrund:

Der Bericht “Kehrt den Mädchen nicht den Rücken: Sexuelle Gewalt gegen Mädchen in Haiti” („Don’t Turn Your Back on Girls: Sexual violence against girls in Haiti”) basiert auf Forschungsergebnissen und Interviews, die von Amnesty International während Besuchen in Haiti im September 2007 und März 2008 erhoben wurden. Die Namen der Mädchen in dem Bericht wurden geändert um ihre Privatsphäre zu gewährleisten und um sicherzustellen, dass ihre Sicherheit nicht gefährdet wird.

Haiti ist eines der wenigen Ländern in den Amerikas, dass keine spezifischen Rechtsvorschriften zur häuslichen Gewalt hat.

Der Bericht wurde als Teil einer Reihe von Workshops von Amnesty International Vertretern in Haiti veröffentlicht und ist Teil einer globalen Kampagne zu Rechten von Frauen, um den internationalen Tag zur Verteidigung der Menschenrechte von Frauen (Women Human Rights Defenders Day) am 29. November 2008. Die „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ (Stop Violence Against Women) Kampagne drängt auf die Umsetzung existierender Gesetze, die den Zugang zum Justizwesen und zu Dienstleistungen für Frauen sicherstellen; fordert neue Gesetze, die die Menschenrechte von Frauen schützen und die Abschaffung von Gesetzen, die Frauen diskriminieren und setzt sich für ein Ende der Gewalt gegen Frauen durch Staaten und seine Repräsentanten ein.

Das “Sichere Schulen für Mädchen”-Projekt würdigt, dass keine Form der Gewalt gegen Mädchen gerechtfertigt ist und solche Gewalt verhindert werden kann.

Wenn Mädchen ihr Recht auf Bildung verweigert wird, ist dies oft mit anderen Menschenrechtsverletzungen verbunden. Wenn Mädchen z.B. ihr Recht auf Wohnen verweigert wird, indem sie aus ihren Häusern vertrieben werden, sind sie oft nicht in der Lage die Schule zu besuchen. Wenn ihnen das Recht auf den höchstmöglichen Gesundheitsstandard verwehrt wird, indem ihnen z.B. medizinische Behandlung verwehrt wird, beeinflusst dies ihre Bildungsmöglichkeiten nachteilig. Wenn Mädchen nicht vor physischer, psychischer und sexueller Gewalt geschützt werden, untergräbt dies ihr Recht auf Bildung, ebenso wie ihr Recht auf Freiheit von Gewalt. Mädchen, die sich Gewalt ausgesetzt sehen, berichten, dass sie Schwierigkeiten haben zu lernen, dass ihr Selbstwertgefühl schwindet und dass sie unter Umständen die Schule verlassen. Sobald sie den formalen Bildungsweg einmal verlassen, kehren die meisten nicht mehr zurück.

Der Bericht „Don’t Turn Your Back on Girls: Sexual Violence Against Girls in Haiti“ kann im englischen Original sowie in einer inoffiziellen deutschen Übrsetzung auf dieser Website unter DOWNLOADS heruntergeladen werden. Dort finden Sie auch das englische Original dieser Pressemitteilung. Ebenso finden Sie dort eine deutsche Zusammenfassung des Berichts und eine Petitionsliste zur Verwendung für Einzelgruppen.