Recht auf Wohnraum & Humanitäre Lage nach dem Erdbeben


Fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben sind zehntausende Menschen noch immer obdachlos und leben unter unwürdigen Bedingungen

8. Januar 2015 -

PRESSEMITTEILUNG

Fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti sind zehn tausende Menschen noch immer obdachlos, nachdem mangelhafte Regierungsbemühungen, Zwangsräumungen und lediglich kurzfristig angelegte Lösungsansätze diejenigen im Stich ließen, die in der Naturkatastrophe alles verloren hatten, sagte Amnesty International heute.

Der neue Bericht „15 minutes to leave“ – Denial of the right to housing in post-quake Haiti („15 Minuten zu gehen“ – Verweigerung des Rechts auf angemessenen Wohnraum im Haiti nach dem Erdbeben), dokumentiert besorgniserregende Fälle von Personen, die zwangsweise aus temporären, selbst errichteten Camps evakuiert wurden. Der Bericht untersucht außerdem, wie es versäumt wurde humanitäre Hilfe, die im Kontext des Erdbebens ins Land floss, in langfristige, sichere Lösungen der Wohnraumkrise umzuwandeln.

„Viele Menschen, die im Erdbeben von 2010 alles verloren hatten, gerieten erneut in Not, als sie aus ihren Unterkünften und selbst errichteten Camps vertrieben wurden. Andere sehen sich langfristig Obdachlosigkeit und Mittellosigkeit ausgesetzt, da finanzielle Unterstützungsprogramme internationaler Geber anfangen auszulaufen“, sagte Chiara Liguori, Karibik Researcherin bei Amnesty International.

“Vor fünf Jahren waren die Augen auf Haiti gerichtet, nachdem das verheerende Erdbeben Leben auseinanderriss und über zwei Millionen Menschen obdachlos machte. Trauriger Weise hat das Interesse der Welt nachgelassen, während zehn tausende Menschen nach wie vor obdachlos und notleidend sind“.

Aktuellen Daten zufolge gibt es noch 123 Camps für Binnenflüchtlinge (Internally Displaced People, IDP) in Haiti, in denen 85.432 Menschen leben. Wenngleich sich die Zahl derjenigen die in Camps leben seit 2010 deutlich verringert hat, sind 22.000 Haushalte noch immer ohne adäquaten Wohnraum. Die Bedingungen in vielen IDP Camps sind fatal. Ein Drittel aller Personen die in Camps leben, haben keinen Zugang zu Sanitäreinrichtungen. Im Durchschnitt teilen sich 82 Personen eine Toilette.

Zwangsräumungen

Zwangsräumungen von Camps stellen ein großes und fortwährendes Problem dar. Mehr als 60.000 Menschen wurden seit 2010 gewaltsam aus ihren Unterkünften in selbst errichteten Camps vertrieben. Der großen Mehrheit wurden keine alternativen Orte angeboten, wo sie sich hätten niederlassen können, was sie erneut in Armut und Unsicherheit trieb.

Amnesty International hat allein seit April 2013 sechs Fälle von Zwangsräumungen aus IDP Camps und informellen Siedlungen dokumentiert. Über 1.000 Familien waren betroffen.

Neben IDP Camps ist eine der am schlimmsten betroffenen Gegenden die informelle Siedlung von Canaan, im nördlichen Randgebiet der Hauptstadt. Zwischen dem 7. und 10. Dezember 2013 wurden die Behausungen von über 200 Familien im Sektor Mozayik in Canaan gewaltsam geräumt. Die meisten der Familien waren dorthin gezogen, nachdem sie bereits in 2012 aus einem IDP Camp vertrieben worden waren. 2014 erfolgten weitere Zwangsräumungen in Canaan.

In einigen Fällen wurden die Zwangsräumungen von der Polizei mit dem Einsatz von Tränengas und Schüssen mit scharfer Munition in die Luft begleitet. In anderen Fällen zogen Gruppen, die mit Macheten und Stöcken bewaffnet waren, in die Camps, um diese aufzulösen, wobei Menschen angegriffen wurden und Berichten zufolge Camps angezündet wurden. Amnesty International hat außerdem Fälle dokumentiert, in denen junge Kinder, schwangere Frauen und Alte während Zwangsräumungen angegriffen wurden.

Während im Vergleich zu Vorjahren die Zahl der Zwangsräumungen von Camps für Binnenflüchtlinge in 2014 zurückging, versäumte es die Regierung nach wie vor, diejenigen, die für die Angriffe verantwortlich sind zur Verantwortung zu ziehen. Sie hat es außerdem versäumt Gesetze zu verabschieden, die Zwangsräumungen unterbinden.

Als Resultat dauern Zwangsräumungen auf Land jenseits der IDP Camps an und werden als Mechanismus genutzt, Land für Wiederaufbau- und Infrastrukturentwicklungsprojekte zu nutzen.

Bedarf einer langfristigen Lösung des Wohnraumproblems

In der Folge des Desasters flossen Gelder und humanitäre Hilfe ins Land. Einige wurden genutzt, um Mietsubventionsprogramme aufzusetzen, die Binnenflüchtlinge für ein Jahr darin unterstützen Wohnraum anzumieten. Wenngleich diese Programme die Anzahl von Flüchtlingslagern signifikant reduziert haben, können sie nicht als langfristige und nachhaltige Lösung betrachtet werden.

Amnnesty Internationals Bericht zu Folge können weniger als 20% der zur Verfügung gestellten Wohnraumprogramme als langfristig oder nachhaltig angesehen werden. Stattdessen bieten die meisten Programme lediglich kurzfristige Lösungen, so zum Beispiel die Errichtung von T-shelters, kleine Behausungen aus Leichtmaterialien, die lediglich darauf ausgerichtet sind, für drei bis fünf Jahre zu halten.

“Vorläufige Programme, wenngleich gut gemeint, waren nicht mehr als ein Pflaster; sie boten schnelle Hilfe anstatt langfristiger Lösungen. Was jetzt benötigt wird sind Initiativen, die wirklich sicherstellen, dass das Recht auf adäquaten Wohnraum für all diejenigen sichergestellt wird, die durch das Erdbeben obdachlos wurden und jene, die in Armut leben“, sagte Chiara Liguori.

Im letzten Jahr hat die Regierung begonnen, langfristigere Lösungen in Betracht zu ziehen, so wie die Regulierung von Camps und Zugang zu essentiellen Dienstleistungen. Im August 2014 veröffentlichte die Regierung ihr erstes Nationales Regelwerk bezüglich Wohnraum, das ein Rahmenwerk für zukünftige Vorhaben darstellt. Amnesty International wird diese Schritte genau beobachten um sicherzustellen, dass die Programme Haitis internationalen Menschenrechtsverpflichtungen entsprechen.

Amnesty International ruft die haitianische Regierung dazu auf, Schutzmechanismen gegen Zwangsräumungen zu implementieren und sicherzustellen, dass Wohnraumprogramme die entwickelt werden, für diejenigen, die dem größten Risiko ausgesetzt sind in ihrem Recht auf Wohnraum verletzt zu werden, auch wirklich zugänglich und bezahlbar sind. Amnesty International ruft außerdem die Geber und internationalen Organisationen auf sicherzustellen, dass Programme die sie finanzieren oder unterstützen, die langfristigen Bedürfnisse der Bevölkerung und ihre Menschenrechte ins Zentrum der Planung stellen.

“In der Folge der Naturkatastrophe schien das gemeinsame Ziel zu bestehen, das Problem von Wohnraum in Haiti endlich ernsthaft und auf nachhaltige und umfassende Weise anzugehen. Dieser Traum scheint lang vergessen. Fünf Jahre nach der Tragödie ist es Zeit für die Regierung und die internationalen Geber ihre Verpflichtung zu erneuern und Anstrengungen zu unternehmen um sicherzustellen, dass Wiederaufbau auf eine Art und Weise geschieht, die Menschenrechte fördert“.


Die Möglichkeit, den heute veröffentlichten Bericht „15 minutes to leave“ – Denial oft he right to housing in post-quake Haiti auf Englisch, Spanisch oder Französisch herunterzuladen gibt es hier.


Das Versagen, mit den Konsequenzen des verheerenden Erdbebens von 2010 umzugehen

9. Januar 2014

ÖFFENTLICHE STELLUNGNAHME

AI Index: AMR 36/002/2014 (inoffizielle deutsche Übersetzung, englisches Original hier)


Vier Jahre nach dem verheerenden Erdbeben, das etwa 200.000 Menschen das Leben kostete und um die 2,3 Millionen obdachlos zurück ließ, wurde laut Amnesty International nur wenig getan um den Respekt, den Schutz, und die Erfüllung des Rechts auf adäquaten Wohnraum in Haiti sicherzustellen.

Mehr als 170.000 Personen leben Schätzungen zu folge noch immer in über 300 Camps für Vertriebene, in der Mehrzahl der Fälle unter entsetzlichen Bedingungen ohne Zugang zu grundlegender Versorgung wie Wasser, Toiletten und Abfallentsorgung. Während der Schlechte Zustand der Sanitärversorgung sie dem Risiko von Cholera und anderen Krankheiten aussetzt, macht der Mangel an sicheren Unterkünften sie verletzlich gegenüber Fluten und anderen witterungsbedingten Risiken, besonders währen der Hurrikan Saison.

Auch wenn die Anzahl intern Vertriebener (internally-displaced persons, IDPs) von initial geschätzten 1,5 Millionen im Juli 2010 signifikant gesunken ist, wurden keine langfristigen Wohnraumlösungen für die Mehrheit der Menschen gefunden, die aus Camps umgesiedelt wurden.

Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge, wurden über 113.000 Haushalte intern Vertriebener in vorübergehende Unterkünfte umgesiedelt und über 55.000 wurden durch Mietsubventionsprogramme umgesiedelt. Familien, die von diesen Programmen profitieren, erhalten für die Dauer eines Jahres etwa 500 USD Unterstützung um eine Unterbringung ihrer Wahl anzumieten und eine zusätzliche finanzielle Unterstützung von 125 USD.

„Während diese Maßnahmen zu einer drastischen Reduzierung der Anzahl an Camps intern Vertriebener geführt haben, so haben sie nicht zu einer Lösung der Wohnraumkrise beigetragen, die das Erdbeben noch verschlimmert hatte. Es ist, als kehre man das Problem unter den Teppich“, so Javier Zúñiga, Sonderberater bei Amnesty International.

Eine Evaluation der Mietsubventionsprogramme, die von Gebern im Januar 2013 in Auftrag gegeben wurde, ergab das 60% der Unterstützten aussagten, dass es ihnen nicht möglich sein werde, dieselbe Qualität an Wohnraum aufrecht zu erhalten wenn die Subventionsprogramme auslaufen. Die 75% deren Verträge geendet hatten und die umgezogen waren, lebten in der Regel unter schlechteren Bedingungen als während der Laufzeit des Subventionsprogramms.

Gewaltsame Räumungen sind ein weiterer Faktor, der zu einer Reduzierung der Nummer intern Vertriebener führt, die in Camps leben. Statistiken von IOM von September 2013 zufolge, waren gewaltsame Räumungen der Grund für 11% aller Umzüge aus den Camps und 46% derer, die weiterhin in Camps leben, sind von Räumungen bedroht.


Im April 2013 hat Amnesty International den Bericht „Nowhere to go. Forced evictions in Haiti’s Displacement Camps“ veröffentlicht, der Zwangsräumungen intern Vertriebener von öffentlichem und privatem Land dokumentiert.

Auch wenn die haitianische Regierung mit zwei öffentlichen Stellungnahmen auf den Bericht reagiert hat, in denen sie sich von der Praxis distanzierte und ausführliche Untersuchen von Vorwürfen gewaltsamer Zwangsräumungen versprochen hat, ist bisher niemand zur Rechenschaft gezogen worden, Opfern wurde keine Wiedergutmachung für Verletzungen ihrer Rechte zuteil und es gibt keine Hinweise, dass solche Untersuchungen gegenwärtig durchgeführt werden. Im Gegenteil, weitere Zwangsräumungen haben stattgefunden nachdem die Stellungnahmen veröffentlicht wurden.

Amnesty International ist besonders um die Sicherheit derjenigen Menschen besorgt, die in Canaan leben, ein Landstrich einige Kilometer von den nördlichen Randbezirken von Port-au-Prince entfernt, das von der damaligen Regierung im März 2010 zur „öffentlichen Nutzung“ (utilité publique) ausgeschrieben wurde. Zehntausende Menschen, die ihre Unterkünfte während des Erdbebens verloren hatten, einschließlich etlicher, die gewaltsam aus Camps in Port-au-Prince vertrieben wurden, haben nach Canaan umgesiedelt, in der Hoffnung dort von Zwangsräumungen geschützt zu sein. Viele haben begonnen dort feste Behausungen zu bauen. Der Status des Landes bleibt jedoch unklar und keine der Familien haben Besitzrechte, die sie vor Zwangsräumungen schützen würden. Es besteht nach wie vor Unklarheit darüber, welcher exakte Teil des Landes zur „öffentlichen Nutzung“ ausgeschrieben wurde sowie über die Finalisierung des Prozesses der Enteignung. Folglich sind tausende Menschen die dort leben von Zwangsräumungen bedroht, sowie Einschüchterungen und Belästigen durch Personen ausgesetzt, die Anspruch auf das Land erheben.

„Canaan ist ein Pulverfass. Das Scheitern der Behörden die Besitzrechte zu klären könnte zu zahllosen Konflikten führen und diejenigen, die dort wohnen schweren Menschenrechtsverletzungen aussetzen“, warte Zúñiga.

Die letzten Zwangsräumungen in Canaan fanden zwischen dem 7. Und 10. Dezember 2013 in einem Sektor statt, der als Titanyen bekannt ist, als über 200 Familien obdachlos gemacht wurden. Viele von ihnen waren intern Vertriebene des Erdbebens, die nach Titanyen umgesiedelt hatten, nachdem sie im Mai 2012 gewaltsam aus Camp Mozayik in Delmas, Port-au-Prince vertrieben wurden. Den Anwohnern zufolge wurden sie über die Räumungen nicht im Vorfeld in Kenntnis gesetzt und hatten daher keine Gelegenheit dagegen anzugehen. Es wurde ihnen keine Zeit gelassen ihre Besitztümer mitzunehmen und über ein Dutzend Personen wurden gewaltsam angegriffen, einschließlich einer Frau, die im vierten Monat schwanger war. Über 3.000 Familien, die in Bezirken von Canaan leben, die als Village des Pêcheurs und Grâce de Dieu bekannt sind, sind Einschätzungen zufolge einem unmittelbaren Risiko ausgesetzt, Opfer von Zwangsräumungen zu werden.

Am 23. Oktober 2013 hat der Premierminister die Verabschiedung der ersten „Nationalen Wohn- und Lebensraum Planes“ verkündet. Obwohl der Premierminister den Plan als „Referenzrahmen für öffentliche Institutionen, regionale Behörden, zivilgesellschaftliche Organisationen und operationelle wie finanzielle Partner“ betitelt hat, wurde das Dokument in seiner Gänze bisher nicht ausgeteilt und Zivilgesellschaftorganisationen haben Amnesty International berichtet, dass ihnen der Inhalt nicht bekannt ist. Vergangene Entwürfe, die Amnesty International vorlagen, versäumten es, einen konkreten Plan aufzuzeigen, wie diejenigen die in Armut leben Zugang zu angemessenem und erschwinglichem Wohnraum bekommen sollen und er enthielt keine Maßnahmen, wie Zwangsräumungen entgegengewirkt werden soll.

„Die haitianische Regierung kann es sich nicht leisten diese Chance verstreichen zu lassen. Die Verabschiedung einer menschenrechtsbasierten nationalen Strategie für Wohnraum und ihre effektive Implementierung sind der einzige Weg wie die Regierung wirklichen Einsatz für den Respekt der Menschenwürde zeigen kann sowie dafür, den Menschen das zu geben, was die haitianische Verfassung ihnen garantiert: angemessenen Wohnraum“, sagte Zúñiga.


Vier Jahre nach dem Erdbeben hält Amnesty International die haitianischen Behörden dazu an, das Recht auf Wohnraum zu einer Priorität und Realität im Land zu machen, insbesondere indem sie garantieren dass:

  • Pläne verabschiedet werden, Binnenflüchtlinge aus den Camps umzusiedeln, basierend auf nachhaltigen Lösungen die sicherstellen, dass alle alternative Unterbringung dem Anspruch an Angemessenheit von Wohnraum gemäß internationalem Gesetz entspricht.
  • Die nationale Wohn- und Lebensraum Strategie auf eine Weise aufgebaut ist, die relevanten internationalen Menschenrechtsstandards entspricht und dass Zugang angemessenem Wohnraum für alle durchgesetzt wird, die ihn benötigen, besonders für die verletzlichsten und marginalisiertesten Personengruppen, wie z.B. dienigen die in Armut leben.
  • Maßnahmen verabschiedet werden, die den Status des Landes in Canaan klären und den Anwohnern Besitzrechte zukommen lassen.
  • Ein Moratorium auf alle Massenräumungen umgesetzt wird bis angemessene Garantien umgesetzt wurden, die sicherstellen, dass alle Räumungen konform sind mit internationalen Menschenrechtsstandards.
  • Gesetze verabschiedet und durchgesetzt werden, die gewaltsame Zwangsräumungen verbieten und die Garantien festschreiben die berücksichtigt werden müssen bevor Räumungen stattfinden, gemäß internationalen Menschenrechtsstandards einschließlich der UN Basic Principles and Guidelines on Development-Based Evictions and Displacement.
  • Effektive Mechanismen etabliert werden, die gewaltsame Räumungen durch staatliche und nicht-staatliche Akteure verhindern. Dies beinhaltet die Revision existierender Prozeduren und eine Verbesserung der Koordination zwischen relevanten Akteuren.
  • Formale Anweisungen an Bürgermeister, Polizeistationen und Munizipalgerichte gegeben werden, so dass diese sich nicht an gewaltsamen Räumungen beteiligen oder diese begünstigen. Außerdem müssen klare Mechanismen implementiert werden, die die Einhaltung dieser Anweisungen überwachen.
  • Fälle gewaltsamer Räumungen und Androhungen gewaltsamer Räumungen (einschließlich Bedrohungen von IDPs und Menschenrechtsverteidigern, die versuchen Zwangsräumungen zu verhindern) effektiv untersucht werden und Täter gerichtlich zur Verantwortung gezogen werden.
  • Opfern von Zwangsräumungen effektive Rechtsmittel zur Verfügung stehen.

Blogpost auf Live Wire: The forgotten victims of Haiti’s earthquake


Zwangsräumungen und Unsicherheit - zur Wohnsituation in Haiti 3 Jahre nach dem Erdbeben

11. Januar 2013

Drei Jahre nach dem Erdbeben in Haiti ist die Wohnsituation im Land nach wie vor katastrophal. Hundert tausende Menschen lebten noch immer in unsicheren Notunterkünften, sagte Amnesty International heute und rief die haitianischen Behörden sowie die internationale Gemeinschaft dazu auf, eine Verbesserung der Wohnsituation zur Priorität zu machen.

Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 hinterließ über 200.000 Tote und etwa 2,3 Millionen Obdachlose. Es wird geschätzt, dass gegenwärtig über 350.000 Menschen in 496 über das Land verteilten Camps leben.

Aussagen von Betroffenen zufolge, die Amnesty International in Haiti gesammelt hat, verschlechtern sich die Lebensbedingungen in den behelfsmäßigen Camps – mit mangelndem Zugang zu Wasser, Sanitäreinrichtungen und Müllentsorgung – die alle zu der Verbreitung von Infektionskrankheiten wie Cholera beigetragen haben. Frauen und Mädchen sind der Gefahr sexueller Übergriffe und Vergewaltigung ausgesetzt.

„Als wären Unsicherheit, Krankheiten und Naturkatastrophen noch nicht genug, leben viele der Menschen in den behelfsmäßgen Camps unter der konstanten Angst vor Zwangsräumungen“, sagte Javier Zúñiga, Sonderberater bei Amnesty International.

Seit dem Erdbeben sind zehn tausende Menschen aus den Camps vertrieben worden. Die Internationale Organisation für Migration berichtet, dass fast 80.000 weitere Menschen primär in Camps auf Privatgrundstücken leben und gegenwärtig dem Risiko von Zwangsräumungen ausgesetzt sind – das sind 21% der Personen die gegenwärtig in Camps leben.

Marie (Name geändert) und ihr Kind wurden am 21. Dezember 2011 zusammen mit duzenden weiterer Familien gewaltsam vom Place Jérèmie vertrieben.

„Das Lagerkommittee hat uns unter Druck gesetzt das Camp zu verlassen. Sie sagten sie bräuchten den Platz für eine [Fußball] Meisterschaft. Aber wir hatten nirgendwo anders wo wir hingehen konnten, deshalb sind wir geblieben. Sie haben ab und zu Flugblätter mit Drohungen verteilt. Nachts haben sie Steine und Flaschen auf unsere Zelte geworfen…Dann eines Tages kamen sie um 3 Uhr morgens und haben an die Türen geklopft. Dann haben sie meine Unterkunft mit Rasierklingen und Messern zerstört…Sie schubsten mich nach draußen und rissen alles kaputt. Ich hatte keine Zeit irgendetwas von meinen Sachen mitzunehmen; Ich bin gegangen, nur mit der Kleidung die ich trug“.

„Haiti litt bereits vor dem Erdbeben an einem massiven Wohnraumdefizit, aber für hundert tausende Menschen ist die Situation heute katastrophal“, sagte Javier Zúñiga.

Letzten April veröffentlichten die haitianischen Behörden den Entwurf einer nationalen Politik bezüglich Wohnraum. Der Plan setzt einige Prioritäten bezüglich der Errichtung neuer Häuser, es fehlen jedoch Vorschläge, wie Menschen die in Armut leben, Zugang zu angemessenem und bezahlbaren Wohnraum erhalten sollen. Der Plan versäumt es außerdem sich zu einer Verhinderung von Zwangsräumungen zu verpflichten.

Mit der Unterstützung internationaler Geber starteten die nationalen Behörden im August 2011 außerdem einen Plan zur Umsiedlung von Personen aus 50 Camps für Binnenflüchtlinge in 16 Gemeinden (“Projekt 16/6”). Durch dieses Projekt erhalten Familien einen Mietzuschuss von 500 USD über einen Zeitraum von 12 Monaten und 25 USD Transportkosten, um sie zu ermutigen, die Camps zugunsten besseren Wohnraums zu verlassen. Die Familien sind dafür verantwortlich diesen besseren Wohnraum zu finden und einen Vertrag mit dem Vermieter abzuschließen.

Obwohl das Projekt einigen Familien geholfen hat, sind die Zuschüsse zu niedrig, Personen werden nicht dabei unterstützt eine Unterbringung zu finden und es wird den Familien keine langfristige Unterstützung angeboten.

Viele Menschen erzählten Vertretern von Amnesty International von ihren Sorgen, nicht zu wissen wo sie nach dem Auslaufen der Zuschüsse leben sollen, da sie nicht in der Lage seien die Mieten zu bezahlen. In der gegenwärtigen Situation sei es bereits schwer Nahrungsmittel für sich und ihre Kinder zu bezahlen, ganz zu schweigen von anderen notwendigen Anschaffungen wie Kleidung, Medikamenten und Schulgebühren.

„Die gegenwärtigen Initiativen der Regierung scheinen mehr darauf abzuzielen Leute daran zu hindern auf öffentlichen Plätzen zu leben als ihnen sicheren Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Was wir sehen wollen sind Pläne, die die Durchsetzung des Rechts auf Wohnraum in dem Land tatsächlich zur Realität machen”, sagte Zúñiga.

Der Rückzug der humanitären Helfer Anfang 2011 und ausbleibende Finanzmittel haben zu sich verschlechternden Lebensbedingungen in den Camps beigetragen. Nur ein Bruchteil der Mittel, die von den Gebern versprochen wurden, war zur Finanzierung von Wohnungsprojekten vorgesehen.

“Damals in 2010, konnte die Welt nicht schnell genug dabei sein Haiti zu helfen, aber drei Jahre später sehen wir, dass die Hoffnungen für einen Wiederaufbau enttäuscht wurden, da die Rechte der Haitianer offensichtlich nicht zur Priorität gemacht wurden. Es besteht dringender Handlungsbedarf seitens der nationalen Behörden und es bedarf wirklicher Unterstützung durch die international Gemeinschaft”, sagte Zúñiga.


Dieser Text ist eine Übersetzung des englischen Originaltexts Haiti: Three years on from earthquake housing situation catastrophic

Bericht: Haiti nach dem Erdbeben

26. März 2010

Heute veröffentlichte Amnesty International Haiti after the quake, einen Bericht über die Lage der Menschenrechte in Haiti nach dem Erdbeben. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Situation in den Camps und sexuellem Missbrauch.

Ihr könnt den Bericht in unserem Downloadbereich auf Englisch herunterladen. Dort findet ihr auch eine inoffizielle deutsche Übersetzung.

Menschenrechte müssen im Zentrum der Hilfsbemühungen und des Wiederaufbaus in Haiti stehen

25. Januar 2010

ÖFFENTLICHE STELLUNGNAHME

Zwei Wochen nachdem ein Erdbeben einen großen Verlust von Menschenleben und materielle Zerstörung über Teile von Haiti brachte, bietet die internationale Gemeinschaft noch immer große Anstrengungen auf, um dringend nötige Unterstützung und humanitäre Hilfe zur haitianischen Bevölkerung zu bringen.

Der UN Sicherheitsrat hielt eine spezielle Sitzung zur humanitären Krise nach dem Erdbeben in Haiti ab und heute hat die kanadische Regierung die erste internationale Konferenz abgehalten, um die ersten Ideen zum Wiederaufbau darzulegen. Weitere Treffen werden erwartet, einschließlich durch den UN Menschenrechtsrat und andere internationale Institutionen.

Die bevorstehenden Herausforderungen sind mannigfaltig. Amnesty International nimmt die Gelegenheit wahr, um Bedenken angesichts der humanitären Krise zu äußern, die sich in Haiti entfaltet und betont, dass der Schutz der Menschenrechte entscheidend für effektive Hilfe und nachhaltigen Wiederaufbau ist. Bemühungen und Maßnahmen, die Menschenrechtsfragen angehen, müssen während der Hilfsphase beginnen und im Zentrum des Wiederaufbaus stehen.

Menschenrechte sind in Krisen- und Notsituationen am meisten in Gefahr. Deshalb ist es entscheidend, dass alle Akteure die angemessenen Maßnahmen ergreifen, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern und um den Respekt und die Erfüllung von Menschenrechten, wie sie in den internationalen Menschenrechtsinstrumentarien dargelegt sind, sicherzustellen.

Die Situation vor Ort ist der Art, dass sich Haitianer nicht nur mit einer der schlimmsten humanitären Krisen, der ein Land jemals gegenüber stand, konfrontiert sehen, sondern dass sie auch vor einer Menschenrechtskrise stehen. Der Verlust zehntausender Menschenleben kann nicht nur der Kraft der Natur zugeschrieben werden. Die endemische Armut, der sich ein Großteil der haitianischen Bevölkerung ausgesetzt sieht hat nicht unerheblich zu dem Ausmaß der Verwüstung beigetragen.

Bei der Förderung und Unterstützung des Wiederaufbaus in Haiti ist es wichtig, dass die internationale Gemeinschaft nicht die Bedingungen wiederherstellt, die Menschen dem Risiko von Menschenrechtsverletzungen aussetzen und Ungleichheit und Armut aufrechterhalten. Nothilfe- und Wiederaufbaubemühungen in Haiti müssen auf dem Respekt und der Förderung von Menschenrechten aufbauen. Die Behörden Haitis und die internationale Gebergemeinschaft müssen sicherstellen, dass die notwendige internationale Zusammenarbeit und Hilfe für Haiti Menschenrechtsstandards gerecht wird. Als solche müssen sie auf eine Weise geleistet werden, die Nicht-Diskriminierung gewährleistet; die die zur Verfügung Stellung von einem Mindestmaß an Nahrung, Wasser, Hygiene, Bildung, Gesundheit und Behausung für Alle zur Priorität macht; und die sich auf die Bedürftigsten konzentriert. Außerdem müssen die haitianischen Behörden und Geberländer mit angemessener Sorgfalt sicherstellen, dass Not- und Entwicklungshilfe nicht zu Menschenrechtsverletzungen führen oder beitragen und dass es im Zuge der Nothilfe- und Entwicklungsbemühungen effektive Mechanismen für die wirkliche Partizipation aller betroffener Gemeinden, einschließlich der am stärksten marginalisierten, gibt.

Während der Verteilung von Hilfsleistungen und den frühen Stadien der Wiederaufbauphase, erhebt Amnesty International die folgenden Anliegen und ruft alle Akteure dazu auf, sie ohne Verzögerung und umfassend zu thematisieren:

Schutz der Kinder vor Missbrauch, Ausbeutung und Menschenhandel:

Kinder gehören zu den verletzlichsten Mitgliedern einer Gesellschaft und während einer humanitären Krise erhöht sich ihre Anfälligkeit, Opfer von Gewalt, Missbrauch, der Trennung von der Familie oder einer Behinderung zu werden nochmals erheblich. Die Trennung von der Familie und die Zerstörung von Schulen und Gemeinden nahm tausenden Kindern ihre schützende Umgebung. Ohne diesen Schutz können sie leichte Beute für Netzwerke des Menschenhandels und der Ausbeutung werden, die bereits vor dem Erdbeben in Haiti aktiv waren.

Von ihren Eltern getrennte Kinder könnten fälschlicherweise als Waisen eingestuft werden, die der Gefahr ausgesetzt sind, inoffizieller Adoption zum Opfer zu fallen. Der Den Haager Konvention zu internationalen Adoptionen zufolge, soll internationale Adoption das letzte Mittel sein, nachdem innerstaatliche Alternativen ausgeschöpft sind und nachdem kompetente Behörden festgestellt haben, dass keine Eltern oder Pflegefamilien sich um die Kinder kümmern können. Dieses Risiko bestand bereits vor der Katastrophe, aber es könnte nun dadurch verstärkt werden, dass Familien aus anderen Ländern auf das Leid haitianischer Waisenkinder mit dem Wunsch reagieren, sie zu adoptieren. In vielen Fällen können die unzulänglichen Kapazitäten der haitianischen Behörden festzustellen, ob eine Adoption angebracht ist, und sicherzustellen ob die Rechte des Kindes respektiert werden, dazu führen, dass illegale Adoptionsnetzwerke blühen.

Die haitianischen Behörden müssen, mit der Unterstützung der MINUSTAH, sicherstellen, dass angemessene Schutzmechanismen greifen um zu verhindern, dass Kinder ohne die Erfüllung formaler rechtlicher Standards für internationale Adoptionen außer Landes gebracht werden. Die Familienzusammenführung, ebenso wie die Schaffung sicherer Orte, für von ihren Familien getrennte Kinder, muss für die internationale Gemeinschaft, die haitianischen Behörden und internationale Hilfsorganisationen Priorität haben.

Die Rechte von Binnenflüchtlingen schützen:

Hunderttausende von Menschen sind obdachlos und können in den Trümmern ihr Leben nicht ohne schwere Sicherheitsrisiken und die Gefährdung ihres Wohlseins wieder aufnehmen. Tausende sind bereits auf der Flucht aus den zerstörten Gebieten.

Die haitianische Regierung, einschließlich der lokalen Behörden, und internationale humanitäre- und Entwicklungsorganisationen müssen die Befolgung der Guiding Principles on Internal Displacement beachten, wenn Sicherheitsbedürfnisse und humanitäre Bedürfnisse der Binnenflüchtlinge in Haiti thematisiert werden.

In einem Land, in dem Nahrungsmittelunsicherheit vor dem Erdbeben geschätzte 1,8 Millionen Haitianer (Dezember 2009) betraf und es 40% der Bevölkerung an Zugang zu Trinkwasser mangelte, erhöht die große Anzahl an Binnenflüchtlingen die Gefahr, dass sich die humanitäre Krise auf das ganze Land ausweitet.

Amnesty International hebt die Wichtigkeit hervor, die Rechte von Binnenflüchtlingen, sowohl innerhalb als auch außerhalb von Lagern, zu schützen und dass diese dabei unterstützt werden müssen, freiwillige und informierte Entscheidungen über ihre Zukunft zu treffen. Den Standards der Guiding Principles on Internal Displacement zufolge, muss jede Umsiedlung von Binnenflüchtlingen aus Zeltlagern oder Krisengebieten freiwillig erfolgen, außer die Sicherheit und Gesundheit der Betroffenen erfordert eine Evakuierung. Sie dürfen in keiner Weise gezwungen werden, auch nicht durch die Aussetzung von Hilfe. Das Recht von Binnenflüchtlingen freiwillig, in Sicherheit und mit Würde zu ihren früheren Häusern oder Ländereien zurück zu kehren, soll respektiert werden und die Behörden sollen ihnen dabei Hilfe leisten entweder zurück zu kehren, oder sich in einem anderen Teil des Landes niederzulassen.

Frauen und Mädchen vor geschlechterbasierter Gewalt, inklusive sexueller Gewalt schützen:

Während humanitärer Krisen und in der Folge von Krisensituationen, sind Frauen und Mädchen oft einem besonderen Risiko der sexuellen Gewalt, der Ausbeutung durch Menschenhändler und dem reduzierten Zugang zu sexueller, reproduktiver und Müttergesundheit ausgesetzt.

Ihre Benachteiligung beim Zugang zu Hilfe wurde, inner- und außerhalb von Camps, bereits zuvor in Ländern dokumentiert, wo sich humanitäre Krisen entwickelten und es in ihrer Folge eine große Zahl von Binnenflüchtlingen gab.

Alle Akteure, die in der Nothilfe und den späteren Wiederaufbaubemühungen aktiv sind, müssen die Prävention von und die Reaktion auf alle Formen geschlechterbasierter Gewalt, insbesondere sexuelle Gewalt, in ihre Programme integrieren. UN Organisationen und andere Akteure haben Richtlinien für Interventionen bei geschlechterbasierter Gewalt in humanitären Notfällen entwickelt, die auf die Prävention von und das Reagieren auf sexuelle Gewalt fokussieren. Die Richtlinien bieten einen kohärenten und partizipativen Ansatz, um geschlechterbasierte Gewalt zu verhindern, oder auf sie zu reagieren, und legen die Bandbreite von Hilfen fest, die dem Bedarf von Opfern sexueller Gewalt entsprechen.

Amnesty International ruft alle Akteure, die in die Hilfs- und Wiederaufbaubemühungen in Haiti involviert sind dazu auf, diese Richtlinien als notwendigen Rahmen für ihre Arbeit zu nutzen.

Sicherheit und Strafverfolgung:

Das Erdbeben hat die Fähigkeit der haitianischen Behörden Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit zu gewährleisten weiter beschränkt.

Vorkommnisse von Gewalt wurden berichtet, beschränken sich aber momentan auf einige Gegenden von Port-au-Prince, hauptsächlich die Altstadt. Die Schaffung eines funktionierenden Justizsystems, um unverzüglich auf die gravierendsten Verbrechen zu reagieren, sollte eine höchste Priorität der haitianischen Behörden und der internationalen Geber sein.

Es gibt wachsende Besorgnis, dass Gefängnisinsassen, die für Gewaltverbrechen einsaßen und aus dem Nationalgefängnis in Port-au-Prince geflohen sind, versuchen, wieder Zugang zu und Kontrolle über die ärmsten und verletzlichsten Gemeinden zu bekommen. Als Antwort darauf haben sich Gemeindemitglieder selbst organisiert, um Banden daran zu hindern Gemeinden unter ihre Kontrolle zu bringen. Amnesty International befürchtet, dass dies Gemeindemitglieder in die Gefahr einer Gewaltspirale bringen könnte. Die Organisation erreichten Berichte von Lynchmorden und Selbstjustiz durch Mobs, während derer angebliche Plünderer getötet wurden.

Die haitianische Nationalpolizei, mit der Unterstützung der MINUSTAH, muss Sicherheit gewährleisten, besonders in Gegenden, in denen Bandengewalt in der Vergangenheit weit verbreitet war. Dies ist von höchster Wichtigkeit um sicherzustellen, dass Nothilfe nicht durch Drohungen gegen die Bevölkerung und Nothelfer behindert wird. Diejenigen, die in Lynchmorde und andere Formen von Gewalt involviert waren, müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Die haitianischen Behörden müssen sofort den Bau einer provisorischen Haftanstalt veranlassen, da das Hauptgefängnis des Landes zerstört ist und andere Gefängnisse des Landes überfüllt sind. Sie müssen außerdem sicherstellen, dass alle Gefangenen Zugang zu humanitärer Hilfe haben und menschenwürdig behandelt werden. Es sind Berichte aufgetaucht, nach denen haitianische Strafvollzugsbeamte tödliche Gewalt angewendet haben, bei der angebliche Plünderer erschossen wurden.

Amnesty International ruft die haitianischen Behörden und internationalen Truppen im Land dazu auf, die strikte Überwachung und Einhaltung der UN Basic Principles for the Use of Force and Firearms by Law Enforcement Officials sicherzustellen, die festschreiben, dass die Polizei Schusswaffen nur in Selbstverteidigung oder angesichts der unmittelbaren Gefahr von Tod oder schwerer Verletzung anwenden darf. Unabhängige, objektive und gründliche Untersuchungen müssen in Gang gesetzt werden, um Berichte über gesetzeswidrige Tötungen und andere schwere Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen und verdächtige Täter müssen vor Gericht gebracht werden.

Rechenschaftspflicht internationaler Truppen:

Internationale Truppen sind auf Bitten der haitianischen Regierung im Land angekommen, um Sicherheit bei der Verteilung humanitärer Hilfe zu gewährleisten. Mehr als 10 000 US-Truppen, 150 Personen Militärpersonal aus der Dominikanischen Republik und 800 kanadische Soldaten sind in Haiti stationiert worden. Mehr Truppen könnten in den nächsten Wochen entsandt werden, auch aus anderen Ländern.

Fragen der Haftung und Verantwortung der großen Zahl an Militär- und Polizeipersonal müssen von Anfang an geklärt werden. Die Bedingungen der Stationierung und besonders die Einsatzregeln (rules of engagement) müssen den internationalen Menschenrechtsregeln entsprechen und es muss effektive Mechanismen geben, dass diese von allen Mitgliedern der internationalen Truppen zu allen Zeiten respektiert werden.

Die Erfahrung von anderen friedenserhaltenden Einsätzen hat gezeigt, dass das Belassen der Rechenschaftspflicht in dem Ermessen der truppenstellenden Länder, zu Straflosigkeit bei schweren Menschenrechtsverletzungen führt.

Erlassung der haitianischen Auslandsschulden:

2009 haben die internationalen Finanzinstitutionen und andere Gläubiger 1,2 Mrd. US$ der haitianischen Auslandsschulden erlassen. Trotzdem schuldet Haiti seinen Gläubigern noch immer hunderte Millionen Dollar. Unter den gegenwärtigen Bedingungen bedeutet die Rückzahlung dieser Schulden für Haitis Bevölkerung und die nationale Wirtschaft eine unzumutbare Last.

Amnesty International ruft alle internationalen Finanzinstitutionen und andere Kreditgeber dazu auf, alle nötigen Schritte zu unternehmen, um Haiti seine Schulden zu erlassen. Denn das Bestehen auf einer Rückzahlung würde die Fähigkeit Haitis behindern, seinen Menschenrechtsverpflichtungen nachzukommen, einschließlich hinsichtlich der Erfüllung eines minimalen Levels an ökonomischen, sozialen und kulturellen Rechten.

Der Schuldenerlass sollte nicht von Bedingungen begleitet werden, die eine negative Auswirkung auf die Menschenrechte haben würden. Alle finanziellen Mittel, die Haiti in den kommenden Jahren zur Verfügung gestellt werden, müssen in Wiederaufbauprogramme fließen, die Haitis Gemeinwohl, den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen sowie gerechte und nachhaltige Entwicklung gewährleisten.

Nothilfe in Haiti muss den Schutz vor sexueller Gewalt einschließen

24. März 2010

PRESSEMITTEILUNG

(Port-au-Prince) Tausende von Frauen, die in vorübergehenden Lagern in Haiti leben, werden durch sexuelle Gewalt bedroht und werden von den Behörden und Verantwortlichen nicht adäquat geschützt, verkündete Amnesty International heute nach Abschluss eines dreiwöchigen Besuches in dem Land.

Sexuelle Gewalt ist in den hunderten Camps, die nach dem Erdbeben, der das Land im Januar traf, in Port-au-Prince und anderen betroffenen Gegenden spontan entstandenen, weit verbreitet. Amnesty International ist der Meinung, dass der Mangel an Maßnahmen zum Schutz vor, und zur Reaktion auf, sexuelle Gewalt zu der humanitären Krise beiträgt und ruft die haitianischen Behörden dazu auf, unmittelbare und effektive Maßnahmen zu ergreifen um der sexuellen Gewalt Einhalt zu gebieten und Freuen zu schützen, die in den Camps wohnen.

„Sexuelle Gewalt ist in den Camps sehr präsent, wo einige von Haitis verletzlichsten Personen leben“, sagt Chiara Liguori, Karibik Researcherin von Amnesty International in Port-au-Prince. „Sie war bereits vor dem Erdbeben ein großes Problem, aber die Umstände unter denen vertriebene Personen leben setzt Frauen und Mädchen einem noch größeren Risiko aus.“

Unsicherheit, Überfüllung und inadäquate Sanitärversorgung setzen Frauen und Mädchen der Gefahr des Missbrauchs aus, da sie hier besonders ungeschützt sind. Mangelnde Kapazitäten der Polizei und des Justizsystems in der Folge des Erdbebens bedeuten, dass Täter in der Regel nicht bestraft werden.

„Die Behörden in Haiti müssen die Stärkung der Polizeipräsenz in den Camps, besonders nachts, zur Priorität machen. Dies muss die Fähigkeit einschließen, Frauen und Mädchen vor sexueller Gewalt zu schützen und angemessen auf zur Anzeige gebrachte Fälle zu reagieren“, sagte Chiara Liguori.

Es herrscht ein generelles Gefühl der Unsicherheit in und um die Camps, besonders nachts. Frauen und Mädchen, die in den behelfsmäßigen Unterkünften leben fühlen sich verletzlich und haben Angst vor Übergriffen.

Die meisten Opfer sexueller Gewalt, die von Amnesty International interviewt wurden waren minderjährig. Ein achtjähriges Mädchen wurde vergewaltigt, als sie nachts alleine in ihrem Zelt war. Ihre Mutter hatte das Camp verlassen um zu arbeiten und hatte niemanden, der während ihrer Abwesenheit auf ihre Tochter aufpassen konnte. Eine fünfzehnjährige wurde vergewaltigt, als sie das Camp verließ um zur Toilette zu gehen, da es in dem Camp keine Latrinen gab. Der Mangel an angemessenen Schutzmechanismen für Frauen und Mädchen entmutigt diese, die Gewalt offenzulegen.

Eine örtliche Frauenorganisation stellte 19 Fälle von Vergewaltigungen in nur einem kleinen Abschnitt von Champ-de-Mars fest, einem der größten Camps in Port-au-Prince. Aus Angst vor den Tätern hatte keine der Frauen und Mädchen die Übergriffe der Polizei gemeldet, sondern waren stattdessen aus dem Camp weggezogen.

„Es gibt keine Unterkünfte im Land, wo Opfer von sexuellem Missbrauch geschützt werden können und Zugang zu unterstützenden Leistungen haben. Unterkünfte für Frauen und Mädchen die Opfer von Gewalt wurden müssen Teil der Nothilfeleistungen sein und die internationalen NROs, die in Haiti stark präsent sind, können dies nur mit der Unterstützung und Koordinierung der haitianischen Behörden möglich machen“, sagt Chiara Liguori.

Hintergrundinformationen:

Amnesty Internationals Delegation hat acht Camps von Vertriebenen und Obdachlosen in Port-au-Prince, Jacmel und Lascahobas besucht, einige mehrmals.

Die Delegierten von Amnesty International ghaben sich mit Regierungsvertretern, einschließlich des Präsidenten René García Préval und des Premierministers Jean-Max Bellerive getroffen. Sie haben Gespräche mit dem Chef der UN Stabilisierungsmission in Haiti (MINUSTAH) und weiteren UN Agenturen, die in Haiti tätig sind, geführt, außerdem mit lokalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen sowie den Botschaftern von Brasilien, Kanada und Frankreich.

Für weitere Informationen oder zur Kontaktaufnahme mit den Delegierten, wenden Sie sich bitte an die Ländergruppe Haiti info@amnesty-haiti.de

USA und UN müssen Nothilfe für Haiti sicherstellen

22. Januar 2010

PRESSEMITTEILUNG

Amnesty International warnte heute, dass die USA und die UNO dringend den mangelnden Zugang zu Nothilfe für diejenigen verbessern müssen, die ihn nach dem Erdbeben letzte Woche am dringlichsten benötigen.

Berichten offizieller Quellen und Hilfsorganisationen in Haiti zufolge, sind Nahrung, Wasser, Sanitärbedarf und lebensnotwendige medizinische Versorgung zwar im Land angekommen, aber sie erreichen die Bedürftigsten in vielen Teilen der Hauptstadt Port-au-Prince und in umliegenden Gebieten, die ebenso schwer betroffen sind, noch nicht. Es existieren Berichte von einigen Regionen, zum Beispiel der Stadt Gressier, dass die Verteilung von Grundlegenden Hilfslieferungen noch immer nicht begonnen hat.

Amnesty International hat die US Behörden und die UN Organisationen außerdem dazu aufgerufen, den Schutz der verletzlichsten Personen in Haiti sicher zu stellen, besonders den von unbegleiteten Kindern, der neben der Verteilung von Nahrungsmitteln und Wasser höchste Priorität haben muss.

„Haitianische Kinder sind dem Risiko ausgesetzt, Opfer von Menschenhandel, Missbrauch und Kindersklaverei zu werden, ebenso wie der Gefahr tiefgreifender sexueller Gewalt. Spezielle Maßnahmen müssen schnell getroffen werden, um die Gefährdeten zu schützen”, sagte Kerrie Howard, stellvertretende Amerikas Direktorin von Amnesty International.

Es müssen außerdem Maßnahmen getroffen werden, um tausende von Menschen zu versorgen, die vor der Krise in andere Teile Haitis flohen und Wasser, Nahrung, Obdach und Gesundheitsdienste benötigen.

Man befürchtet, dass über 100 000 Haitianer zu Tode gekommen sind, nachdem ein Erdbeben der Stärke 7,1 Haiti am Dienstag den 12. Januar traf. Tausende werden noch vermisst und Überlebende warten auf Hilfe von internationalen Gebern, auf Zugang zu Trinkwasser, Nahrung und medizinische Versorgung.

Der Schutz von Menschenrechten muss die Nothilfe-Bemühungen in Haiti begleiten.

15. Januar 2010

PRESSEMITTEILUNG

Amnesty International rief die UN dazu auf Maßnahmen zu ergreifen, um den Schutz der Menschenrechte und der verletzlichsten unter den Überlebenden des verheerenden Erdbebens am Dienstag zu gewährleisten.

Amnesty International begrüßte die schnellen und mutigen Bemühungen der UN und von Not- und Entwicklungshelfern in Haiti und der ganzen Welt, um durch humanitäre Hilfe Leben zu retten, die Zerstörung zu beseitigen und Grunddienste wieder herzustellen, in einem Land, dessen Infrastruktur zerfällt.

Die Organisation bat außerdem um die besondere Berücksichtigung des Respekts der Menschenrechte und des Schutz es von Kindern, besonders denen, die als Konsequenz des Erdbebens als Waisen zurück blieben. Besonders Mädchen sehen sich einem erhöhten Risiko sexuellen Missbrauchs und sexueller Übergriffe ausgesetzt.

“Die gegenwärtige Situation der Gesetzlosigkeit in Haiti und die erhöhte Gefährdung von Frauen und Mädchen, schafft ein Umfeld, in dem Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen wie Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch unentdeckt und unbestraft stattfinden“, sagte Gerardo Ducos, Haiti Researcher von Amnesty International. „Der Schutz gefährdeter und verletzlicher Gruppen vor sexuellem Missbrauch ist ebenso wichtig wie die Versorgung mit Nothilfe.”

Amnesty International sendet diesen Aufruf, während befürchtet wird dass tausende Haitianer umgekommen sind, nachdem ein Erdbeben der Stärke 7,1 dass Land am Dienstag traf. Tausende werden noch vermisst und Überlebende warten auf Nothilfe von den internationalen Gebern um sie mit Trinkwasser, Nahrung und Medizin zu versorgen.

Als Folge des Desasters sind die Kapazitäten zur Strafverfolgung der Haitianischen Nationalpolizei und des Justizsystems stark beeinträchtigt, da ein Großteil der Infrastruktur zusammengebrochen ist und viele Staatsbeamte vermisst werden.

Amnesty International hat bereits zu früheren Zeitpunkten einen schockierenden Level an sexueller Gewalt dokumentiert. “Vor dem verheerenden Erdbeben war Haiti nicht in der Lage Menschenrechte effektiv zu schützen, besonders Frauen und Mädchen vor sexueller Gewalt. Wenn jetzt nicht gehandelt wird, während die Hilfsleistungen vorangebracht werden, wird sich die Situation aller Wahrscheinlichkeit nach nur noch verschlimmern,” sagte Gerardo Ducos.

Amnesty International drückt allen Familien und Freunden der Opfer tiefe Anteilnahme aus und sendet einen Gruß der Solidarität an das haitianische Volk.

Für möglichst aktuelle Informationen besucht bitte unseren Pressespiegel, den wir so häufig wie möglich aktualisieren.

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