Menschenrechtsverletzungen an Frauen


Nachbeben: Frauen erheben die Stimme gegen sexuelle Gewalt in Haitis Camps

11. Januar 2011 - Mädchen und Frauen in Haiti sind auch ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben nicht sicher. So geht es aus einem kürzlich veröffentlichen Bericht von Amnesty International hervor.

Das Erdbeben vom Januar 2010 hat Haiti zerstört. Vom UN-Generalsekretär als „eine der größten, schlimmsten Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte“ beschrieben, hat das Erdbeben eine humanitäre Krise nach sich gezogen, die beispielloses internationales Handeln erfordert.

Über 230.000 Menschen starben und 300.000 weitere wurden verletzt. Große Teile von Port-au-Prince und anderer Städte liegen in Ruinen und fast 2 Millionen Menschen wurden obdachlos.

Ein Jahr später leben mehr als 1.050.000 Menschen noch immer in den 1.199 Zeltstädten, die im Großraum Port-au-Prince und im Süden des Landes aus dem Boden gestampft wurden. Die meisten sind informelle Siedlungen, die unmittelbar nach dem Erdbeben entstanden, als Überlebende aus ihren zerstörten Häusern flohen. Die Lebensbedingungen in den meisten Camps sind erschreckend. In vielen Fällen verstärken die Camps die weitreichende Armut, Ungleichheit und soziale Ausgrenzung, die das Leben der marginalisierten Bevölkerungsgruppen schon seit Jahren bestimmten.

Das Erdbeben hat auch Regierungsgebäude und die staatliche Infrastruktur in der gesamten Hauptstadt zerstört und damit die Fähigkeit des Staates zunichte gemacht, auf den Notfall zu reagieren oder eine Führungsrolle in der Koordination der humanitären Hilfe zu übernehmen. Polizeistationen, Gerichtsgebäude, administrative Büros, Kliniken und Krankenhäuser wurden dem Erdboden gleich gemacht oder schwer beschädigt. Die internationale Gemeinschaft ist zügig eingeschritten um diese Lücke zu füllen und obwohl bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Krise Koordinierungsprobleme deutlich wurden, hat sie über die Monate geholfen, einige wichtige Dienstleistungen wieder herzustellen.

Während jedoch viele Bemühungen in den Versuch investiert wurden, den Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung, Nahrung und Wasser sicherzustellen, wurde dem ebenso wichtigen Recht von Frauen und Mädchen, vor sexueller Gewalt geschützt zu werden, nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Sexuelle, und andere Formen geschlechterbasierter Gewalt waren in Haiti bereits vor dem 12. Januar 2010 weit verbreitet, doch das Erdbeben hat die wenigen Schutzmechanismen, die existierten, zerstört. Frauen und Mädchen, die bereits, mit dem Leid und Trauma kämpfen müssen, ihre Angehörigen, Häuser und Lebensgrundlagen im Erdbeben verloren zu haben, leben mit der konstanten Bedrohung sexueller Gewalt in Camps und Zelten, die keine Sicherheit bieten.

Haitis neue Regierung, die der Verfassung zufolge Anfang Februar 2011 ihr Amt antreten sollte, wird eine andauernde humanitäre und Menschenrechtskrise erben.

Nicht nur warnen viele Organisationen vor sich verschlimmernden Lebensbedingungen und Unsicherheit in den Camps; der Ausbruch der Cholera, die sich in den Camps ausbreitet, erschwert eine ohnehin komplexe Situation zusätzlich.

In diesem Kontext veröffentliche Amnesty International letzte Woche den Bericht „Aftershocks: Women speak out against sexual violence in Haiti’s Camps“, der heute auf einer Pressekonferenz in Port-au-Prince vorgestellt wurde. In diesem Bericht kommen Frauen zu Wort, die in der Folge des Erdbebens Opfer geschlechterbasierter Gewalt wurden.

Amnesty International ruft die neue Regierung Haitis dazu auf, einen umfassenden Plan voranzutreiben, um die Binnenflüchtlinge angemessen zu unterstützen und die Bedürfnisse der Bevölkerung in den Camps entsprechend anzugehen und sicherzustellen, dass ihre Rechte gewahrt werden. Im Besonderen muss die neue Regierung sicherstellen, dass ein umfassender Plan umgesetzt wird, um die Sicherheit der Frauen und Mädchen zu verbessern und geschlechterbasierte Gewalt anzusprechen. Die internationale Gemeinschaft muss den haitianischen Staat angesichts seiner begrenzten Kapazitäten hierbei unterstützen.

Den 30-seitigen Bericht findet Ihr im Downloadbereich unserer Homepage hier.

Sowohl in englisch, als auch in einer inoffiziellen deutschen Übersetzung.

Eine Pressemitteilung auf Deutsch findet Ihr hier .

Einen Videoclip zum Bericht findet Ihr in unserem News-Bereich.

Armut und Missbrauch überwinden - Mädchen im häuslichen Dienstleistungssektor schützen

18. Novermber 2009

Die UN-Sonderberichterstatterin über zeitgenössische Formen der Sklaverei, Gulnara Shahinian, sprach nach ihrem Besuch in Haiti im Juni 2009 von einer "modernen Form von Sklaverei": In Haiti werden Hunderttausende von Kindern aus zumeist mittellosen Familien als "Hausangestellte " verkauft.

Die Mehrheit der Kinder sind Mädchen. Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF hat 2007 geschätzt, dass allein 100.000 Mädchen zwischen sechs und 17 Jahren als Hausmädchen arbeiteten. Diese Kinder werden kaum oder gar nicht entlohnt und oft Opfer von Misshandlungen und sexueller Gewalt.

Amnesty International hat heute eine Kampagne begonnen, mit der die Regierung Haitis dazu gebracht werden soll, Kinderschutzmaßnahmen in Kraft zu setzen.

Die haitanischen Gesetze schützen Kinder bisher nur unzureichend, und existierende Institutionen wie das Institut für Wohlfahrt und Forschung oder der Nationale Plan zum Schutz verletzlicher Kinder des Sozialministeriums, in Kraft seit 2007, bewirken in der Praxis keine Verbesserung.

Ressourcenmangel ist hier ein wesentliches Hindernis.

Amnesty fordert von der haitanischen Regierung, den Schutz von Kindern in Gesetz und Praxis dringend zu verbessern. Die internationale Gemeinschaft ist aufgefordert, Haiti hierbei zu unterstützen.

Der Kurzbericht Overcoming Poverty and Abuse - Protecting Girls in Domestic Service kann im Downloadbereich im englischen Original und in einer inoffiziellen deutschen Übersetzung heruntergeladen werden.Dort finden Sie auch eine englische Petitionsliste.

Auf der Homepage der deutschen Sektion von Amnesty finden Sie über hier eine Onlinepetition.

"Haiti: No Protection for Girls Against Sexual Violence"

27. November 2008

Die Regierung von Haiti scheitert darin, die Mädchen des Landes vor Vergewaltigung und sexueller Gewalt zu schützen. So geht es aus einem Bericht von Amnesty International hervor, heute vorgestellt wurde und die haitianischen Behörden dazu aufruft, den Ernst der Lage anzuerkennen und ihre Pflicht zu erfüllen, junge Mädchen zu schützen.

Fünfzig Prozent der 105 Vergewaltigungen, die bis dato in diesem Jahr gemeldet wurden, wurden an Mädchen unter 18 Jahren begangen. Diese Zahlen beziehen sich auf eine der wenigen Organisationen, die die Anzahl der sexuellen Übergriffe auf Frauen und Mädchen festhält. Letztes Jahr berichtete dieselbe Organisation, das 58% der Opfer von Vergewaltigungen oder sexueller Gewalt Mädchen zwischen 19 Monaten und 18 Jahren waren. Entscheidend ist jedoch die Tatsache, dass das wahre Ausmaß des Problems aufgrund mangelnder Zahlen, unbekannt ist.

Amnesty International sagt aus, dass die Polizeieinheit, die für den Schutz Minderjähriger verantwortlich ist, die Brigade zum Schutz von Minderjährigen (Brigade de Protection des Mineurs), auf tragische Weise unterbesetzt ist. Im März 2008 standen der Einheit lediglich 12 Beamte zur Verfügung, die das gesamte Land abdecken sollen und nicht über ein einziges Fahrzeug verfügen. Wenn Beschwerden verfolgt werden, so die Organisation weiter, ist die Reaktion des Justizsystems schwach und meist ineffektiv.

“Sexuelle Gewalt gegen Mädchen, und Vergewaltigung im Besonderen, ist in Haiti weit verbreitet und kann nicht länger ignoriert werden“ sagte Gerardo Ducos, Karibik-Researcher bei Amnesty International.

“Die haitianische Regierung erfüllt ihre Verpflichtungen zum Schutz von Mädchen nicht. In Anbetracht des Mangels an offizieller Hilfe ist es vielleicht nicht überraschend, dass die meisten derjenigen Personen, die Mädchen vergewaltigen und angreifen nicht vor Gericht gebracht werden und in der Lage sind, diese Verbrechen weiterhin ohne Angst vor Bestrafung zu begehen. Für viele Mädchen bedeutet das Überleben sexueller Gewalt, Stillschweigen zu wahren.“

Die Organisation sagte weiterhin, dass weit verbreitete Berichte über Gruppen bewaffneter Männer, die Frauen vergewaltigten, unter dem Militärregime zwischen 1991 und 1994 begannen. Dies sei nun zu einer gängigen Praxis unter Gangs junger Männer geworden, besonders in der Zeit vor und um den Karneval jedes Jahr.

Während Amnesty International den „Nationalen Plan zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen“ als Schritt in die richtige Richtung anerkennt, werden die haitianischen Behörden aufgefordert, diesen auch effektiv umzusetzen und ihren Verpflichtungen unter regionaler und internationaler Menschenrechtsgesetzgebung nachzukommen.

„Wir erkennen an, dass die Regierung vor großen Herausforderungen steht. Sie versucht, die Entwicklung des Landes, gute Regierungsführung und die Rechtsstaatlichkeit zu stärken – doch keine dieser Ziele kann ohne den Schutz der Rechte von Frauen und Mädchen voll erfüllt werden,“ so Gerardo Ducos.

„Machthaber müssen sich mit dem mangelnden Vertrauen in die Polizei und das Justizsystem befassen, damit sich Mädchen auf diese verlassen können, wenn sie Hilfe und Rechtshilfe ersuchen. Es muss außerdem ein Weg gefunden werden, landesweite Informationen zu sammeln um die Natur und das Ausmaß der Gewalt gegen Mädchen und Frauen zu erfassen und diese Ergebnisse müssen in beiden offiziellen Landessprachen veröffentlicht werden. Die Regierung darf den Mädchen von Haiti nicht den Rücken kehren.“

Amnesty International hebt diese sexuelle Gewalt in Haiti im Rahmen des Projekts „Sichere Schulen für Mädchen“ hervor, dass innerhalb der Kampagne „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ durchgeführt wird. Das „Sichere Schulen für Mädchen“-Projekt ist auf dem Glauben begründet, dass die Gewalt, der sich Mädchen ausgesetzt sehen während sie ihrer Bildung nachgehen, ihre fundamentalen Menschenrecht verletzt. Wenn Gewalt gegen Schulmädchen unbestraft bleibt, vermittelt dies anderen Kindern und der Gesellschaft als Ganzer den Eindruck, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen akzeptabel ist und dass das Erleiden von Gewalt im Stillen der Norm entspricht.

Hintergrund:

Der Bericht “Kehrt den Mädchen nicht den Rücken: Sexuelle Gewalt gegen Mädchen in Haiti” („Don’t Turn Your Back on Girls: Sexual violence against girls in Haiti”) basiert auf Forschungsergebnissen und Interviews, die von Amnesty International während Besuchen in Haiti im September 2007 und März 2008 erhoben wurden. Die Namen der Mädchen in dem Bericht wurden geändert um ihre Privatsphäre zu gewährleisten und um sicherzustellen, dass ihre Sicherheit nicht gefährdet wird.

Haiti ist eines der wenigen Ländern in den Amerikas, dass keine spezifischen Rechtsvorschriften zur häuslichen Gewalt hat.

Der Bericht wurde als Teil einer Reihe von Workshops von Amnesty International Vertretern in Haiti veröffentlicht und ist Teil einer globalen Kampagne zu Rechten von Frauen, um den internationalen Tag zur Verteidigung der Menschenrechte von Frauen (Women Human Rights Defenders Day) am 29. November 2008. Die „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ (Stop Violence Against Women) Kampagne drängt auf die Umsetzung existierender Gesetze, die den Zugang zum Justizwesen und zu Dienstleistungen für Frauen sicherstellen; fordert neue Gesetze, die die Menschenrechte von Frauen schützen und die Abschaffung von Gesetzen, die Frauen diskriminieren und setzt sich für ein Ende der Gewalt gegen Frauen durch Staaten und seine Repräsentanten ein.

Das “Sichere Schulen für Mädchen”-Projekt würdigt, dass keine Form der Gewalt gegen Mädchen gerechtfertigt ist und solche Gewalt verhindert werden kann.

Wenn Mädchen ihr Recht auf Bildung verweigert wird, ist dies oft mit anderen Menschenrechtsverletzungen verbunden. Wenn Mädchen z.B. ihr Recht auf Wohnen verweigert wird, indem sie aus ihren Häusern vertrieben werden, sind sie oft nicht in der Lage die Schule zu besuchen. Wenn ihnen das Recht auf den höchstmöglichen Gesundheitsstandard verwehrt wird, indem ihnen z.B. medizinische Behandlung verwehrt wird, beeinflusst dies ihre Bildungsmöglichkeiten nachteilig. Wenn Mädchen nicht vor physischer, psychischer und sexueller Gewalt geschützt werden, untergräbt dies ihr Recht auf Bildung, ebenso wie ihr Recht auf Freiheit von Gewalt. Mädchen, die sich Gewalt ausgesetzt sehen, berichten, dass sie Schwierigkeiten haben zu lernen, dass ihr Selbstwertgefühl schwindet und dass sie unter Umständen die Schule verlassen. Sobald sie den formalen Bildungsweg einmal verlassen, kehren die meisten nicht mehr zurück.

Der Bericht "Don't Turn Your Back on Girls: Sexual Violence Against Girls in Haiti" kann im englischen Original sowie in einer inoffiziellen deutschen Übrsetzung auf dieser Website unter DOWNLOADS heruntergeladen werden. Dort finden Sie auch das englische Original dieser Pressemitteilung. Ebenso finden Sie dort eine deutsche Zusammenfassung des Berichts und eine Petitionsliste zur Verwendung für Einzelgruppen.

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